AUSSTELLUNG 10
Adolf Wölfli: Memorandum
Wege einer Rezeption
1.11.2026 – 20.2.2027
Zur Eröffnung der Ausstellung am Samstag, den 31. Oktober 2026, von 18 – 21 Uhr laden wir Sie herzlich ein.
Ende der 1920er Jahre schuf Adolf Wölfli (1864–1930) zwei großformatige Werke unter dem Titel „Memorandum“: 1926 die monumentale Arbeit Memorandumm, ein Jahr später das 120 × 187 cm messende Werk Memorandum.Die Trummbann: Schyackt, in Nord=Amerika, die sich heute in der Sammlung Zander befindet. Die erste dieser beiden Zeichnungen, die Wölfli wie alle seine Werke mit Blei- und Farbstiften anfertigte, entstand für einen Aufenthaltsraum der psychiatrischen Anstalt Waldau bei Bern, wo er als Patient 34 Jahre bis zu seinem Tod verbrachte; die zweite Zeichnung gestaltete er für die private Auftraggeberin Hermine Ferndriger-Marti, eine Anhängerin Carl Gustav Jungs.
Seinem Ursprung nach verweist das Wort „Memorandum“ auf die Erinnerung und das Gedächtnis. Und so bezeichnete auch Wölfli in einer 55 Zeilen langen Erklärung, die er auf die Rückseite von Memorandumm schrieb, dieses Werk als ein „Angedenken“ an seine „im allerhöchsten Grade hochintteressante, lehrreiche ab’r höchst gefährliche, Schöpfungs=Reise“. Damit bezog er sich auf Motive seiner 1908 begonnenen literarischen Autofiktion, die von seinem Aufstieg zum Schöpfer des Universums, der „St. Adolf-Riesen-Schöpfung“, erzählt. Mit beiden Arbeiten hat sich Wölfli jedoch zugleich selbst Denkmäler gesetzt. Sie sind nicht nur Darstellungen einer imaginären, sondern Allegorien und Zeugnisse einer höchst konkreten „Schöpfungs-Reise“, visuelle Synthesen einer künstlerischen Entwicklung, die sich in drei Jahrzehnten zwischen den Wänden einer Zelle vollzog.
Auf welchen Wegen, unter welchen Voraussetzungen, aufgrund welcher Deutungen, Verkürzungen und Missverständnisse ist dieses Werk jedoch in die Öffentlichkeit und damit in das kulturelle Gedächtnis, in private Sammlungen, Museen und zahllose Diskurse über Kunst, Psychose und Kreativität gelangt? Warum fiel es nach Wölflis Tod jahrzehntelang in Vergessenheit und erfuhr erst Anfang der 1970er Jahre die erste institutionelle Anerkennung? Das sind die Fragen, denen die Ausstellung „Adolf Wölfli: Memorandum“ in einem Dialog mit den Werken des Schweizer Künstlers aus der Sammlung Zander nachgehen wird, indem sie die Wege seiner Rezeption von Walter Morgenthaler und Hans Prinzhorn über Jean Dubuffet und André Breton bis hin zu Harald Szeemann und über ihn hinaus nachzeichnet.
Dabei hat zunächst nichts in Adolf Wölflis Leben sein riesenhaftes Werk angekündigt. 1864 in Bowil bei Bern geboren, wächst er in ärmlichen Verhältnissen auf und muss sich, als sein alkoholsüchtiger Vater die Familie verlässt und wenige Jahre später seine Mutter stirbt, seit seinem zehnten Lebensjahr als Bauernknecht verdingen. Ein weiteres Jahrzehnt arbeitet er als Handlanger, Melker, Gärtner und Totengräber, bis er 1890 nach zwei „Notzuchtversuchen“ an einem vierzehn- und einem fünfjährigen Mädchen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wird. 1895 wird er wegen eines weiteren Vergewaltigungsversuchs, diesmal an einem dreieinhalbjährigen Mädchen, erneut inhaftiert, nach einer psychiatrischen Untersuchung für unzurechnungsfähig erklärt und mit der Diagnose Schizophrenie in die damals sogenannte Bernische kantonale Irren- und Heilanstalt Waldau eingewiesen.
Seit 1899 sind Wölflis erste künstlerische Aktivitäten in der Patientenakte dokumentiert, die frühesten erhalten gebliebenen Arbeiten stammen aus dem Jahr 1904. Der größte Teil des bis zu seinem Tod 1930 entstandenen Werkes wurde, was damals durchaus ungewöhnlich war, sorgfältig aufbewahrt und gesammelt. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Berner Psychiater und Psychotherapeut Walter Morgenthaler, der Wölfli zwischen 1908 und 1920 zunächst als Assistenz-, später als Oberarzt behandelte, ihn in seinem Schaffensdrang bestärkte und mit Arbeitsmaterialien versorgte. Auf diese Weise etablierte Morgenthaler als erster Rezipient Wölflis zugleich die institutionellen Voraussetzungen seiner künstlerischen Produktivität, lange bevor er ihn mit seiner 1921 veröffentlichten Psychopathographie Ein Geisteskranker als Künstlereinem breiteren Publikum bekannt machte. Es ist das erste Werk, das einen Psychiatriepatienten als Künstler bezeichnet.
Nicht zuletzt durch seine in den 1920er Jahren einsetzende Tätigkeit als Auftragskünstler bekundete Wölfli sein eigenes künstlerisches Selbstverständnis. Von Anfang an wollte er seine Schriften veröffentlicht sehen, betrachtete die von ihm bis ins Letzte auskomponierten Blätter als Vorlagen für Faksimiles und gab selbst zum Preis und Vertrieb seiner Bücher präzise Anweisungen. Über die von ihm gestaltete Zelle äußerte er die Ansicht, sie sei „ein kleines Museum, allerersten Ranges, der intelligentesten und gediegensten Ahrt“. Vor diesem Hintergrund mutet es wie eine Verkennung an, dass der französische Künstler und Sammler Jean Dubuffet ausgerechnet Wölfli zu einem Repräsentanten der von ihm unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg proklamierten „Art brut“ – einer ihm zufolge rohen, unverbildeten, nicht-akademischen Kunst – erklärte.
Dennoch kommt Dubuffet das Verdienst zu, Wölflis Werk im Rahmen seiner „Compagnie de l’Art brut“ immer wieder ausgestellt zu haben. Erste Schritte zur Musealisierung Wölflis unternahm der Schweizer Kurator Harald Szeemann, inspiriert von Dubuffet und zugleich in Distanz zu ihm. Sein Ausstellungskonzept für die Kassler documenta 5 (1972) bedeutete eine Zäsur in der Wölfli-Rezeption. In unmittelbarer Nähe zu der von ihm kuratierten Ausstellung „Individuelle Mythologien“, die Werke der Gegenwartskunst von Joseph Beuys, Paul Thek, Christian Boltanski und anderen vereinte, präsentierte Szeemann in Zusammenarbeit mit dem Berner Psychiater Theodor Spoerri eine der „Bildnerei der Geisteskrankheiten“ vorbehaltene Sektion, die Wölfli einen prominenten Platz einräumte. Ein Nachbau der Zelle des Künstlers beherbergte unter einer Glashaube den über zwei Meter hohen Stapel seiner Schriften, während ein zweiter Saal Hunderte von Objekten aus dem psychiatrischen Museum der Waldau mitsamt den von Wölfli verzierten Schränken zeigte.
Charlotte Zander nahm 1991 fünf Werke von Adolf Wölfli in ihre Sammlung auf: eine seiner frühesten Zeichnungen, Nach = Ruef. Marsch = Lied. 1,743, von 1909, die doppelseitige Collage Die Beatenberg = St.Adolf = von 1918 sowie neben Memorandum. Die Trummbann: Schyackt, in Nord=Amerika zwei weitere großformatige Blei- und Farbstiftzeichnungen. Es handelt sich um das größte und wichtigste Konvolut seiner Arbeiten in einer deutschen Sammlung. Im Rheinland wurden Arbeiten von Wölfli zuletzt 1977 im Kölnischen Kunstverein gezeigt.
Die Ausstellung wird kuratiert von dem Autor, Verleger und Übersetzer Maximilian Gilleßen.
Gefördert durch:

Neu Cöln
préfète Duffaut
5.11.26 – 8.11.26
Préfète Duffaut (1923–2012) zählt zu den bedeutenden Vertretern der haitianischen Malerei des 20. Jahrhunderts.
Geboren in Jacmel, einer Hafenstadt an der Südküste Haitis, arbeitet er zunächst als Schiffszimmermann und hilft seinem Vater beim Bau von Segelbooten.
Duffaut entwickelt jedoch schon als Kind ein besonderes Interesse für das Zeichnen und als ihm in den Vierzigerjahren die Jungfrau Maria im Traum erscheint und ihn auffordert, seine Heimatstadt zu malen, widmet er sich ganz der Malerei.
1948 schließt sich Duffaut dem Centre d’Art in Port-au-Prince an.
Es wurde vier Jahre zuvor als Institut gegründet, das Künstlern unterschiedlicher Herkunft und sozialer Hintergründe Gelegenheit bietet, ihre Arbeiten zu entwickeln, auszustellen und einem größeren Publikum zugänglich zu machen. So fördert das Centre d’Art die Entstehung einer eigenständigen haitianischen Kunstszene, deren Werke zunehmend auch international Beachtung finden.
Vor allem Duffauts frühe Arbeiten sind vom katholischen Glauben geprägt. Marienerscheinungen und Motive des haitianischen Voodoo, der eng mit der Geschichte und Kultur des Landes verbunden ist, begegnen sich gleichwertig in seinen Bildern.
Préfète Duffaut stirbt am 6. Oktober 2012 im Alter von 89 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt umfasst sein Werk mehr als sieben Jahrzehnte künstlerischer Tätigkeit. Seine Gemälde werden in Haiti und international ausgestellt und finden Eingang in öffentliche wie private Sammlungen.
Neu Cöln
Kloster Heilig Kreuz
Lindenstr. 45
50674 Köln
Séraphine Louis
De Senlis et sans Rivale
31.10.26 – 12.4.27
Séraphine Louis | André Bauchant | Camille Bombois | Adolf Dietrich | Henri Rousseau | Louis Vivin
In diesem Herbst würdigt das Centre Pompidou-Metz die Künstlerin Séraphine Louis (1864–1942) mit einer großen Monografie. Entlang von über 80 der heute rund 100 verzeichneten Werke der Französin bietet die Ausstellung „Séraphine Louis. De Senlis et sans rivale“ in einer bis dato einzigartigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Werk und Biografie der Künstlerin einen neuen Blick auf ihr Schaffen. Der Rundgang durch die Ausstellung offenbart die zahlreichen Facetten ihres Werkes und löst sich von den Klassifikationen, die es bislang von der künstlerischen Moderne distanzierten. Die im Centre Pompidou-Metz versammelten Werke gewähren Einblicke in Séraphine Louis’ Vorstellungswelten und ermöglichen auf diesem Wege ihre kunstgeschichtliche Einordnung.
– Centre Pompidou Metz
Aus der Sammlung Zander werden insgesamt 20 Werke zu sehen sein, darunter 12 Werke von Séraphine Louis sowie Arbeiten von André Bauchant, Camille Bombois, Adolf Dietrich, Henri Rousseau und Louis Vivin.
Centre Pompidou Metz
1, Parvis de Droit de l’Homme
57000 Metz
beyond Academia:
Bosilj, Sekulić, Skurjeni, Tisnikar
25.9.26 – 28.2.27
Ilija Bosilj | Sava Sekulić | Matija Skurjeni | Jože Tisnikar
Die Ausstellung „Beyond Academia“ bietet einen umfassenden Überblick über das Werk von vier herausragenden Malern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Ilija Bašičević Bosilj, Sava Sekulić, Matija Skurjeni und Jože Tisnikar. Jeder der vier Künstler hat eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, die in ihren persönlichen Erfahrungen, fantastischen Visionen oder Traumwelten verwurzelt ist. Ihr künstlerisches Schaffen ist ausgesprochen vieldeutig und von mystischen und magischen Elementen geprägt.
–Galerija Božidar Jakac
Galerija Božidar Jakac – Museum of Modern and Contemporary Art
Grajska cesta 45
8311 Kostanjevica na Krki
Slowenien
Große Kooperation zur Kunst der Autodidakt:innen und Outsider Art in Köln. Kunst- und Museumsbibliothek und ZADIK erhalten bedeutende Schenkungen der Sammlung Zander
1997 erhielt Charlotte Zander als erste Frau den ART COLOGNE-Preis für ihr beeindruckendes Engagement für die „Naive Kunst“. 28 Jahre später werden in einem Dreiklang die Dokumentation und Forschung rund um die Kunst der Autodidakt:innen und die Outsider Art in Köln nachhaltig verankert: Im Herbst letzten Jahres hat die gemeinnützige Sammlung Zander einen Ausstellungsraum in Köln eröffnet, in dem regelmäßig Ausstellungen mit Werken aus der Sammlung stattfinden. Susanne Zander spendet nun die international einzigartige Spezialbibliothek zum Themenfeld der Sammlung Zander der Kunst- und Museumsbibliothek Köln (KMB), diese ist ab sofort dort für Recherchierende nutzbar. Das Archiv von Charlotte Zander als Sammlerin, Galeristin und Museumsgründerin schenkt sie dem ZADIK, wo es für die Forschung erschlossen wird. Geplant ist eine Themenausstellung des ZADIK für das Jahr 2025.
Nadine Oberste-Hetbleck, ZADIK-Direktorin, freut sich: „Mit dem umfangreichen Archivbestand zur Arbeit von Charlotte Zander besitzt das ZADIK nun einen hochkarätigen Quellenfundus, der Einblicke seit Beginn ihrer Sammlungsaktivitäten in den 1950er Jahren gibt. Da sie ihre persönliche Leidenschaft auch zum Beruf machte und als Galeristin sowie später als Museumsgründerin in Erscheinung trat, können wir anhand des Archivs auch Informationen zu den internationalen Netzwerken des Handels und der Museen zur ‚Naiven Kunst‘ erhalten.“
Susanne Zander, Geschäftsführerin der Sammlung Zander, ist überzeugt, dass durch die Schenkungen neue Möglichkeiten für die Forschung und Sichtbarkeit der Kunst der Autodidakt:innen und Outsider Art geschaffen wurden: „Es ist ein Ziel unserer Arbeit mit der Sammlung Zander, die akademische Auseinandersetzung mit dieser Kunst zu ermöglichen und zu fördern. Wir wollen Köln als zentralen Standort für diese Forschung etablieren. Die Schenkung, die auch meine persönliche umfangreiche Bibliothek zur sogenannten Outsider Art umfasst, ist ein Schritt dahin. Wir entwickeln außerdem mit der Sammlung neue Projekte, die unsere Ausstellungen diskursiv und wissenschaftlich erweitern und verhandeln.“
Elke Purpus, Direktorin der KMB, lädt alle Interessierten zur Recherche ein: „Wir konnten bereits 2.449 Publikationen in unserem Online-Katalog erfassen – die Arbeiten sind so gut wie abgeschlossen. Wir freuen uns auf zahlreiche Nutzer:innen der Bibliothek Zander.“
Das Modell, Archiv und zugehörige Spezialbibliothek in Köln zu verankern, haben das ZADIK und die KMB bereits in mehreren Fällen erprobt und sehen dies als zukunftsweisendes Konzept: „Ein kurzer Weg liegt nur zwischen den beiden Institutionen, der Forscher:innen bestmögliche Zugänge zu zusammenhängenden Beständen ermöglicht: Das möchten wir weiter ausbauen.“